Wochenimpuls: Gewählt
22.09.2026 |
Liebe Leserinnen und Leser,
am 6. September hat Sachsen-Anhalt gewählt. Das Ergebnis hatte sich zwar abgezeichnet, aber es bewegte auch mich, der ich an diesem Sonntag gerade auf einer Studien- und Pilgerreise in Rom war. Und die Wahl vom Sonntag in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin, die bewegten mich nicht weniger mit Blick auf die Ergebnisse der blauen Partei.
Ich versuche ernsthaft zu verstehen, was Menschen bewegt hat, so zu wählen. Klar sehe ich verschiedene Sehnsüchte. Nach Wechsel, nach Ordnung, nach Sicherheit, nach Wohlstand und nach der guten alten Zeit. Wo sich gerade so viel verändert, sind das nachvollziehbare Wünsche.
Aber als Christ sorge ich mich, denn was ich aus der blauen Partei nämlich hauptsächlich wahrnehme, ist das Gegenteil der Botschaft Jesu von Glaube, Hoffnung und Liebe. Hört man sich die Reden auf Parteitagen, Stadtparlamenten, den Landtagen und dem Bundestag an, geht es vor allen Dingen um Einteilung in bessere und schlechtere Menschen und um das Schüren von Hass gegenüber allem, was nicht in das Bild passt von einer längst vergangenen Zeit.
Da höre ich Worte wie Remigration und muss daran denken, dass genau dieses Wort am 28. Oktober 1938 dazu diente quasi über Nacht rund 17.000 im Deutschen Reich lebende , aus Polen eingewanderte Juden und ihre Nachkommen gewaltsam auszuweisen und über die polnische Grenze zu verbringen.
Und dieses Ereignis setzte noch weit Schlimmeres in Gang. Herschel Grynszpan, dessen Eltern davon betroffen waren, schoss deswegen am 7. November in Paris auf den deutschen Botschaftsmitarbeiter Ernst vom Rath, der am 9. November starb. Und dessen Tod wiederum war Anlass für die so genannte Reichskristallnacht, jenes unsägliche Novemberpogrom, bei dem hierzulande Synagogen, jüdische Gemeindehäuser, Geschäfte und Wohnungen zerstört und ausgeplündert wurden und Tausende jüdische Mitbürger verhaftet und etliche davon umgebracht wurden.
Da läuft es mir eiskalt über den Rücken. Auch wenn ich daran denke, dass ein möglicher AfD-Innenminister in Sachsen-Anhalt dort den Verfassungsschutz beeinflussen könnte, der ja nach dem Zweiten Weltkrieg gerade deshalb geschaffen wurde, um sicherzustellen, dass sich Entwicklungen wie das Scheitern der Weimarer Republik und die anschließende Gewaltherrschaft des NS-Regimes in Deutschland niemals wiederholen können. Deutschland sollte nach dem Grundgesetz eine "wehrhafte Demokratie" sein.
Auch wenn ich hier nur meine persönlichen Ängste beschreibe, so kann doch nun eines wirklich von allen festgestellt werden: Unsere Gesellschaft ist so gespalten wie lange nicht. Gerade in den sozialen Medien begegne ich immer häufiger Hass, Verachtung und einer Sprache, die den anderen nicht mehr als Menschen sieht, sondern als Gegner.
Mir scheint fast, als gelte heute mehr denn je „Hate sells“. Es lässt sich mit Wut, Empörung und Hass im Internet und Social-Media gut verdienen, weil man damit Aufmerksamkeit und zahlreiche Klicks erzeugen und Meinung machen kann. Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern haben gewählt, im nächsten Frühjahr steht uns im bevölkerungsreichsten Bundesland, in Nordrhein-Westfalen eine Wahl ins Haus. Doch unabhängig davon, wie die Wahl dort ausgehen wird, bleibt als zentrale Frage: Wie wollen wir als Gesellschaft künftig miteinander umgehen?
Ja, wir leben in einer Zeit voller Krisen und Unsicherheiten. Ja, es gibt Sorgen und Probleme, über die müssen wir sprechen. Aber damit das gelingt, sollten wir wieder lernen respektvoll miteinander umzugehen. Wir dürfen auf keinen Fall den Willen verlieren, gesellschaftliche Gräben zu schließen, Feindbilder abzubauen, aber auch dem gegenwärtigen Hass die Stirn zu bieten.
Ihr Ronny Baier